Einleitung | impact ix. Folge 009
Wie entsteht Wirkung in der Politik? Was motiviert Menschen, sich politisch zu engagieren, und wie gelingt das, auch abseits der großen Parteien? In der neunten Folge von Impact IX sprechen Meik und Basti mit Friederike Helmchen, die in ihrem Hauptberuf seit Jahren als Transformationsexpertin in großen Organisationen tätig ist und sich nebenbei in der jungen Partei Volt engagiert – zunächst als Kandidatin für die Bundestagswahl in Berlin und mittlerweile als aktives Mitglied auf verschiedenen Ebenen. Das Gespräch kreist um den Wert von politischem Engagement, die Herausforderungen des Ehrenamts und die Frage, wie sich Wirkung im gesellschaftlichen Kontext entfalten kann, ohne die persönliche Balance zu verlieren.
Vom Change Management in die Politik
Schon im Studium beschäftigte sich Friederike mit den Dynamiken des Wandels – damals mit Schwerpunkt Change Management in der öffentlichen Verwaltung. Nach mehreren Jahren im Veranstaltungsmanagement leitet sie heute Veränderungsprozesse in einer großen Organisation. Wandel und Kommunikation, so schildert sie, seien immer relevante Themen gewesen, nur ist das Bewusstsein für diese Herausforderungen in den letzten Jahren durch Schlagworte wie „VUCA“ oder „Transformation“ gewachsen.
„Wir haben Wandel schon immer erlebt, aber heute ist es bewusster – und vielleicht auch drängender geworden“, erklärt Friederike. Kommunikation und die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen, sieht sie als Schlüssel für gelingenden Wandel – sowohl in Organisationen als auch in der Gesellschaft.
Der Schritt ins politische Engagement
Doch was bringt jemanden dazu, sich über das eigene berufliche Umfeld hinaus auch gesellschaftspolitisch zu engagieren? Für Friederike war dies ein Prozess, der eng mit der Wahrnehmung gesellschaftlicher Herausforderungen verbunden ist. „Für mich war immer klar: Ich muss auch zu den großen Themen etwas sagen und mitwirken. Das ging irgendwann nicht mehr anders.“
Die Hürde, einer Partei beizutreten, sei zunächst spürbar gewesen: Vorurteile über endlose Diskussionen über Kleinigkeiten oder der Eindruck, politische Parteien seien wenig offen für neue Ideen, waren präsent. Dennoch entschied sie sich, nach der Europawahl Volt beizutreten – eine Partei, die sich durch einen explizit europäischen, progressiven Ansatz und eine offene Organisationskultur auszeichnet.
„Bei Volt hatte ich das Gefühl, dass man wirklich schnell mitmachen und mitgestalten kann – es herrscht eine echte Bewegung, die Offenheit und Lernbereitschaft lebt“, so Friederike.
Was junge Parteien anders machen
Im Gespräch wird deutlich, wie sehr sich das Engagement in einer jungen Partei wie Volt von traditionellen Strukturen unterscheidet. In den ersten Jahren sei ein echter „Startup-Spirit“ spürbar gewesen, geprägt von Enthusiasmus, Offenheit und schnellen Entscheidungen.
Mit dem rasanten Wachstum – nach Europawahl und Bundestagswahl explodierten die Mitgliederzahlen – kamen jedoch auch Herausforderungen: „Plötzlich reichten die bisherigen Strukturen nicht mehr aus, es musste mehr Regelwerk und Organisation geschaffen werden, um das Engagement der vielen neuen Mitglieder zu koordinieren.“
Die Lernkultur spielt dabei eine zentrale Rolle. Nach Misserfolgen wird reflektiert, Feedback aufgenommen und aktiv daran gearbeitet, sich weiterzuentwickeln – ein Ansatz, den Friederike besonders schätzt: „Bei uns gibt es keine Vorwürfe, wenn etwas schiefgeht. Wir lernen aus unseren Erfahrungen und schauen uns Best Practices auch international an.“
Synergien zwischen Beruf und Ehrenamt
Spannend ist auch der Blick auf das Spannungsfeld zwischen den etablierten, prozessorientierten Strukturen im Hauptberuf und der eher dynamischen, manchmal auch chaotischen Welt des politischen Engagements.
Friederike sieht diese Erfahrung als bereichernd: „Ich profitiere von beiden Seiten. Im Beruf hilft mir das politische Ehrenamt, neue Perspektiven und Methoden einzubringen. Gleichzeitig kann ich Erfahrungen aus der Organisation in die politische Arbeit übertragen.“
Auch aktuelle Forschung zeigt: Nebentätigkeiten im Ehrenamt oder gesellschaftlichem Engagement können berufliche Entwicklung fördern und zur persönlichen Reifung beitragen.
Sichtbarkeit, Social Media und der Umgang mit Gegenwind
Ein zentrales Thema im Podcast ist die wachsende Bedeutung von Sichtbarkeit – insbesondere über Social Media. Wer sich politisch engagiert, muss präsent sein, eigene Themen setzen und auch mit Kritik umgehen.
Friederike schildert, wie ungewohnt es für sie war, öffentlich Stellung zu beziehen und auf Plattformen wie Instagram oder LinkedIn sichtbar zu werden. Die Resonanz ist gemischt: „Viel positives Feedback kam vor allem persönlich, aber gerade auf Plattformen wie TikTok erlebt man schnell auch Gegenwind – häufig anonym und sehr direkt.“
Wichtig sei dabei, Unterstützung aus dem eigenen Umfeld und von der Partei zu bekommen. Volt stellt den Kandidierenden etwa Ressourcen und Beratung zur Verfügung, wie mit negativen Kommentaren umzugehen ist. Der Rückhalt der Gemeinschaft erweist sich als entscheidend, um Frustrationen und Belastungen zu bewältigen.
Politische Realität: Strukturen, Frustration und Motivation
Im politischen Engagement treffen Motivation und Idealismus oft auf die Realität komplexer Strukturen, bürokratischer Prozesse und langsamer Entscheidungswege – Erfahrungen, die viele Engagierte teilen.
„Natürlich gibt es Phasen, in denen Frustration aufkommt, wenn Veränderungen länger dauern oder Bürokratie bremst. Aber durch den engen Austausch, die gegenseitige Unterstützung und viele kleine Erfolgserlebnisse bleibt die Motivation erhalten“, berichtet Friederike.
Auch in beruflichen Organisationen ist der Aufbau und Erhalt von Strukturen eine Daueraufgabe. Im politischen Kontext verstärkt sich das Spannungsfeld noch durch die Notwendigkeit, ehrenamtliche Ressourcen sinnvoll einzusetzen und gleichzeitig auf wechselnde Herausforderungen zu reagieren – etwa bei Wahlen oder Mitgliederwachstum.
Persönlicher Ausgleich und Grenzen
Wie lässt sich dieses Engagement mit Beruf, Familie und Privatleben vereinbaren? Nach besonders intensiven Phasen – wie dem Bundestagswahlkampf – ist auch Erschöpfung spürbar.
„Ich musste lernen, auch mal Nein zu sagen und mich zeitweise zurückzunehmen. Aber letztlich habe ich ein inneres Bedürfnis, Veränderungen voranzutreiben. Meine Familie unterstützt das und sieht es als positives Beispiel, selbst Verantwortung zu übernehmen“, sagt Friederike.
Auch Verständnis aus dem Umfeld, die Bereitschaft, Aufgaben abzugeben und auf die eigene Belastbarkeit zu achten, sind wichtig, um das Engagement nachhaltig zu gestalten.
Warum Engagement lohnt – auch in der Politik
Das Gespräch endet mit einer Ermutigung: Politisches Engagement muss nicht zwangsläufig mit Parteimitgliedschaft beginnen, aber es ist ein wirksamer Hebel, um gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten.
Die Erfahrung, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Verantwortung zu übernehmen und trotz Hindernissen am Ball zu bleiben, bietet nicht nur persönliche Entwicklung, sondern auch die Möglichkeit, echte Wirkung zu entfalten.
Friederikes Geschichte zeigt, dass politisches Engagement sich lohnen kann – und dass jede*r einen Beitrag leisten kann, wenn die Motivation stimmt und die Unterstützung da ist.
Links & weitere Informationen
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