Warum wir kollektives Handeln und neue Narrative brauchen
impact ix. – Folge 26 mit Sarina Spiegel
Viele Menschen haben ein diffuses Gefühl:
Irgendetwas stimmt nicht.
Klimakrise, soziale Ungleichheit, politische Spannungen – und gleichzeitig ein Wirtschaftssystem, das weiterhin primär auf Wachstum ausgerichtet ist. Doch wie hängen diese Dinge zusammen? Und vor allem: Was können wir konkret anders machen?
In Folge 26 von impact ix. sprechen wir mit Sarina Spiegel über genau diese Fragen. Sie ist Autorin des Buches Eat, Sleep, Work, Die und arbeitet bei Project Together an neuen Formen gesellschaftlicher Zusammenarbeit. Ihr Ziel: komplexe ökonomische Zusammenhänge verständlich machen – und sie aus der akademischen Nische in den gesellschaftlichen Mainstream bringen.
Wenn Modelle nicht mehr zur Realität passen
Ein Ausgangspunkt des Gesprächs ist die klassische Volkswirtschaftslehre. Viele der Modelle, die dort gelehrt werden, sind hilfreich, um grundlegende Mechanismen zu verstehen. Gleichzeitig greifen sie oft zu kurz.
Das bekannteste Beispiel: das Bruttoinlandsprodukt.
Es wird häufig als Maß für Wohlstand genutzt – obwohl es ursprünglich nie dafür gedacht war. Es misst wirtschaftliche Aktivität, nicht Lebensqualität. Wenn ein Laptop ersetzt wird oder mehr produziert wird, steigt das BIP. Ob Menschen dadurch besser leben, bleibt offen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Bild des „Homo Oeconomicus“: dem rational handelnden Individuum, das stets seinen eigenen Nutzen maximiert. Auch dieses Modell kann Orientierung bieten – bildet aber die Realität menschlichen Handelns nur unzureichend ab.
Sarina beschreibt sehr klar, was viele spüren, aber schwer greifen können:
Zwischen den Modellen und der Realität entsteht eine Lücke.
Komplexität verständlich machen
Ein zentrales Anliegen von Sarina ist es, diese Lücke zu schließen. Ihr Buch verfolgt bewusst einen populärwissenschaftlichen Ansatz: komplexe Zusammenhänge so aufzubereiten, dass sie verständlich, zugänglich und anschlussfähig werden.
Das ist kein trivialer Anspruch.
Denn viele der relevanten Themen sind hochkomplex:
- planetare Grenzen und ökologische Belastungen
- wirtschaftliche Anreizsysteme
- globale Finanzstrukturen
- politische Entscheidungsprozesse
Gerade deshalb ist die Art der Vermittlung entscheidend. Sarina geht dabei einen ungewöhnlichen Weg: Sie verbindet verschiedene Disziplinen, nutzt Beispiele, reduziert Komplexität – ohne sie zu verfälschen.
Im Podcast wird deutlich: Es geht nicht darum, einfache Antworten zu geben. Es geht darum, bessere Fragen zu stellen.
Vom Wissen ins Erleben
Besonders spannend ist der Schritt, den Sarina über das Buch hinaus geht.
Mit ihrer Buchtour – bewusst nicht als klassische Lesung konzipiert – schafft sie Räume, in denen Menschen nicht nur zuhören, sondern erleben. Die Veranstaltungen verbinden Inhalte mit Interaktion, Reflexion und sogar körperlichen Elementen.
Der Gedanke dahinter:
Komplexe Themen erreichen Menschen nicht allein über den Kopf.
Emotion, Gemeinschaft und persönliche Erfahrung spielen eine entscheidende Rolle. Wer versteht, und spürt, ist eher bereit, sich mit schwierigen Fragen auseinanderzusetzen.
Diese Form der Vermittlung steht im Kontrast zu klassischen akademischen Formaten, die oft stark auf Sachlichkeit und Distanz setzen. Sie ist zugleich ein Versuch, komplexe Inhalte in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen.
Warum Gemeinschaft entscheidend ist
Ein weiterer zentraler Gedanke der Folge ist die Rolle von Gemeinschaft.
Sarina argumentiert, dass viele der großen Herausforderungen unserer Zeit nicht individuell lösbar sind. Klimawandel, soziale Ungleichheit oder demokratische Stabilität sind systemische Probleme. Sie erfordern kollektives Handeln.
Der Begriff, der dabei immer wieder fällt, ist „Collective Action“.
Menschen müssen sich zusammenschließen, Perspektiven zusammenbringen und gemeinsam handeln. Nicht als idealistisches Konzept, sondern als praktische Notwendigkeit.
Das steht im Spannungsfeld zu einer Gesellschaft, die lange stark auf Individualismus gesetzt hat. Leistung, Erfolg und Verantwortung werden oft als individuelle Kategorien gedacht. Doch bei komplexen Problemen stößt dieses Denken an Grenzen.
Gleichzeitig ist Gemeinschaft kein einfaches Konzept. Sie kann verbinden – aber auch ausschließen. Sie kann Orientierung geben – aber auch neue Abgrenzungen schaffen.
Die Herausforderung liegt darin, Formen von Zusammenarbeit zu entwickeln, die offen, inklusiv und wirksam sind.
Project Together: Zusammenarbeit neu denken
Ein konkretes Beispiel für diesen Ansatz ist Sarinas Arbeit bei Project Together.
Die Organisation verfolgt die Idee, unterschiedliche Akteure zusammenzubringen: Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft. Ziel ist es, komplexe Probleme nicht isoliert, sondern gemeinsam zu bearbeiten.
Das bedeutet konkret:
- Ministerien arbeiten nicht nur innerhalb ihrer Strukturen
- Unternehmen verlassen ihre klassischen Rollen
- Initiativen werden miteinander vernetzt
Project Together schafft Räume und Formate, in denen solche Zusammenarbeit möglich wird. Dabei geht es weniger um einzelne Projekte, sondern um eine neue Art der Kooperation.
Sarina beschreibt das als ein „neues Betriebssystem“ für gesellschaftliche Zusammenarbeit. Nicht das Was steht im Mittelpunkt, sondern das Wie.
Zwischen Einfachheit und Komplexität
Ein spannender Aspekt des Gesprächs ist die Frage, wie komplexe Inhalte kommuniziert werden können.
In politischen und gesellschaftlichen Debatten sind oft einfache Antworten erfolgreich. Sie geben Orientierung, erzeugen Klarheit und sprechen Emotionen an.
Doch sie werden der Realität selten gerecht.
Sarina plädiert für einen anderen Weg:
Komplexität anerkennen – und trotzdem zugänglich machen.
Das bedeutet nicht, alles zu vereinfachen. Sondern die richtigen Narrative zu finden, die Menschen erreichen, ohne die Inhalte zu verzerren.
Storytelling, persönliche Ansprache und erlebbare Formate können dabei helfen. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen: Wie schafft man es, Menschen zu erreichen, die sich bislang nicht mit diesen Themen beschäftigen?
Warum viele Menschen spüren, dass „etwas nicht stimmt“
Ein wiederkehrendes Motiv der Folge ist das Gefühl von Unsicherheit und Unklarheit.
Viele Menschen haben den Eindruck, dass bestehende Systeme an ihre Grenzen stoßen. Gleichzeitig fehlt oft das Vokabular, um diese Wahrnehmung einzuordnen.
Hier setzt Sarinas Arbeit an:
Sie versucht, Ordnung in diese Wahrnehmung zu bringen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Orientierung zu geben.
Das erklärt auch die Resonanz auf ihre Arbeit – sei es im Buch, auf LinkedIn oder bei ihren Veranstaltungen. Menschen suchen nach Erklärungen, nach Austausch und nach Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden.
Fazit: Neue Antworten entstehen im Miteinander
Die Folge mit Sarina Spiegel zeigt, dass wirtschaftliche Fragen nicht nur ökonomische Fragen sind. Sie betreffen unser Zusammenleben, unsere Werte und unsere Zukunft.
Wichtige Erkenntnisse aus dem Gespräch:
- Viele wirtschaftliche Modelle greifen zu kurz
- Komplexe Themen müssen verständlich vermittelt werden
- Emotion und Erfahrung spielen eine wichtige Rolle
- Gemeinschaft und kollektives Handeln sind entscheidend
- Neue Formen der Zusammenarbeit sind notwendig
Vielleicht ist die wichtigste Botschaft jedoch eine andere:
Es gibt keine einfachen Lösungen.
Aber es gibt Wege, sich gemeinsam auf die Suche zu machen.
Weiterführende Links
Sarina Spiegel
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/sarinaspiegel/
Website: https://www.sarinaspiegel.com/
Buch: https://www.oekom.de/person/sarina-spiegel-12022
Project Together
https://projecttogether.org/en/
impact ix. & innolethix
https://innolethix.com
